staunen, nicht ärgern

Haben Debatten, mündlich, einen Sinn?

Nach gaming gelten Videos im Bereich e-learning als das ganz große Ding. Die erste Variante war schon mal da, https://theatrum-mundi.de/was-ist-eigentlich-gamification/. Letztlich ist gamification sowas wie die Ratten bei Stinner. Es gibt einen Reiz und auf den wird reagiert. Gamification meint, dass das reicht. Näher bei der Wahrheit ist man, wenn man das zentrale Proble in der Vermittlung sieht. Egal wie groß der Reiz oder wie lustig das Spiel, wenn man einen Zusammenhang nicht versteht, weil er didaktisch schlecht vermittelt wird, dann bringt auch das lustigste Spiel nichts. Insbesondere im Bereich Sprachdidaktik, zumindest in Bereichen, wo irgendwelche Laien irgendwelche kuriosen Apps an irgendwelche völlig Unbedarfte verticken wollen, ist gaming en vogue. Die Grundannahme ist, dass man eine Fremdsprache lernen kann wie die Muttersprache, also gänzlich mühelos in drei Wochen und es da nichts gibt, was irgendwie kompliziert und erklärungsbedürftig ist. Das ganze Thema Sprachdidaktik wird also reduziert auf den vorhanden bzw. nicht vorhandenen Spaßfaktor, wobei dieser wieder vor allem durch „positive Erfolgserlebnisse“ mächtig gesteigert werden soll. Bei Spielen aller Art haben wir immer ein einfaches incentive => response Schema. Der sinnvollere Ansatz wäre, an der Sprachdidaktik zu arbeiten, das heißt neue und verständlichere Erklärungsmuster zu finden.

 

Beim Video hat man mehr didaktische Möglichkeiten, als bei einer Debatte im Parlament, und in Abhängigkeit vom Kontext, können Videos tatsächlich einen didaktischen Mehrwert haben. Die geringsten didaktischen Möglichkeiten hat die mündliche Rede. Bei der mündlichen Rede müssen Sender und Empfänger ungefähr denselben Informationsstand haben. Um es mal an einem Beispiel zu erläutern: Beim Smalltalk über das Wetter haben Sender und Empfänger immer den gleichen Informationsstand. Ein Meterologe hat hier sehr viel mehr Hintergrundwissen als ein Normalsterblicher, aber das spielt beim Smalltalk keine Rolle. Unterhält sich aber z.B. ein Philologe mit jemandem, der in Quantenmechanik promoviert hat über Quantenmechanik, dann ist das Informationsgefälle so groß, dass ersterer dem Sachvortrag von letzterem nicht folgen kann.

Womit wir dann beim Thema wären. Parlamentsdebatten sind aus didaktischer Sicht die schwächste Art der Informationsvermittlung. Vermutlich geht es bei diesen Debatten auch gar nicht um den Austausch von Informationen mit dem Ziel, zu einer sachlogisch fundierteren Entscheidung zu kommen. Es gibt wohl keinen Bereich, wo die Erkenntnis, dass Menschen nicht überzeugt werden wollen, sondern Recht haben wollen, mehr zutrifft. Obwohl also der Bundestag sozusagen als das Zentrum der Demokratie gilt und alle Demokratien ähnliche Institutionen haben, ist die Veranstaltung eigentlich weitgehend komplett sinnfrei, was den meisten Parlametariern auch im Grunde klar ist, denn die Debatten finden weitgehend vor fast leerem Haus statt.

 

Es ist weitgehend egal, welches Thema gerade verhandelt wird, letztlich geht es um ökonomische und technische Zusammenhänge: Bei der Rente geht es z.B. um ökonomische Zusammenhänge und Aussagen, die die weit entfernte Zukunft betreffen, Bevölkerungsentwicklung, technischer Fortschritt, Besteuerung von Kapital, Aufwendungen für Miete in zwanzig Jahren, Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft im globalen Umfeld, etc., die so komplex sind und einen derart umfangreichen wissenschaftlichen Apparat verlangen, dass man das tatsächlich studieren muss, die Zusammenhänge also als geschriebener Text vorliegen müssen. Da die Datenmasse enorm ist, wäre ein Hypertext eine adäquate Darstellungsform. Gleiche Liga Gesundheitspolitik: Kein Mensch kann heute sagen, ob der medizinische Fortschritt die Kosten für die Behandlung langfristig senkt oder steigen lässt. Es ist durchaus denkbar, dass durch minimal invasive Verfahren, etwas dem DaVinci Roboter oder Cyberknife, die Kosten sinken, wenn diese Roboter in Massen produziert werden, die Kosten sinken. Bei der Behandlung von Krebspatienten kann man schnell mal auf 100 000 Euro und mehr kommen. Denkbar ist, dass die Kosten z.B. mit mRNA Impfstoffen sinken. Sinken die Kosten, haben wir ein ganz anderes Szenario, als wenn sie stetig steigen, was im Interesse der Pharmaindustrie ist. Auch hier sind fundierte Aussagen nicht mehr die Liga Small Talk. Das Informationsgefälle zwischen jemandem der sich mit solchen Fragen wissenschaftlich beschäftigt und dem Normalsterblichen, im Bundestag sitzen ja ganz überwiegend Normalsterbliche, so groß, dass die Parlamentsdebatte kein geeignetes Format ist. Auch bei Themen, die auf den ersten Blick nichts mit Ökonomie zu tun haben, spielen wirschaftliche Aspekte eine Rolle. Alle Parteien sind für das Wahre, Schöne und Gute und wollen, dass dies durch eine geeignete Kulturpolitik eine weite Verbreitung findet, was allerdings, unabhängig von der Frage, wie man das Wahre, Schöne und Gute definiert, letztliche eine ökonomische Frage ist. Die Ziele müssen operational definiert werden, also so, dass sich der Erfolg bzw. Misserfolg einer Maßnahmen messen lässt. Der Impact des Goethe Intituts auf die Außendarstellung Deutschlands wäre z.B. zu ermitteln. Ist dieser Null, kann man sich die 250 Millionen Euronen an Steuergeldern pro Jahr auch sparen. Ohne konkrete belastbare Fakten, ist die Debatte sinnfrei. Bei der Forschungsförderung geht es um die Frage, wo Schwerpunkte zu setzen sind: Molekularbiologie, Nanotechnologie, e-Mobilität, Informatik etc. eher Grundlagenforschung oder eher angewandte Forschung. Das sind alles keine Themen mehr, über die man in dem Format Parlamentsdebatte diskutieren kann.

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