staunen, nicht ärgern

Was ist die relevanten Frage? Ob man Gott braucht, oder ob er existiert?

Mephistopheles:
Den Doktor?

Der Herr:
Meinen Knecht!

Mephistopheles:
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

Gott bezeichnet also Faust als seinen Knecht. Ein Knecht arbeitet im Sinne seines Vorgesetzten. Wenn Gott den Faust also als seinen Knecht bezeichnet, dann geht Gott davon aus, dass dieser in seinem Sinne wirkt. Faust dient also, das ist die Beschreibung von Mephistopheles, durch seine profunde Unzufriedenheit, wobei nicht mal klar ist, sie wird ja metaphorische umschrieben, „vom Himmel fordert er die schönsten Sterne / und von der Erde jede höchste Lust“, was Faust eigentlich sucht, bzw. braucht, wobei das, was gebraucht wird, zur Existenz drängt. Mit Ernst Bloch gesprochen zeichnet sich das Noch-Nicht also noch nicht klar an der vordersten Frontlinie der Entwicklung ab, sondern liegt noch eine Stufe davor. Der folgende Vers könnte jetzt naheliegen, dass Gott den Faust da irgendwie in die richtige Richtung lenkt, genau das tut er aber gerade nicht.

Der Herr:
Wenn er mir auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Das Blüt und Frucht die künft’gen Jahre zieren.

Darauf folgt dann die berühmte Wette, bei der so manche „Interpretationshilfe“ so mancher Schulbuchverlage eine Parallele zu Hiob sieht. Die message scheint also nicht immer anzukommen. Unklar ist allerdings, um was da eigentlich gewettet wird.

Mephistopheles:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen.

Der Herr:
Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir’s nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.

[Nebenbemerkung: Bei der Wette zwischen Mephistopheles und Gott im Buch Hiob geht es um die Frage, ob Hiob auch nach mehreren Schicksalschlägen an seinem Zweifel an Gott festhält, was er ja bekanntlich tut. Bei der Wette im Opus Magnus von Johann ist der Witz ja gerade der,dass Faust an NICHTS glaubt und seinen Weg erst selber suchen muss. Anders formuliert. Gott hat keinen Plan und Faust soll herausfinden, wohin die Reise gehen könnte. Gott geht davon aus, dass Faust irren wird, was er ja tatsächlich reichhaltig tut, aber das ist für Gott nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist das Streben, das heißt den Möglichkeitsraum zu erweitern, so dass das Unvergängliche und Unbeschreibliche etwas klarer zu Tage tritt. Wer also eine Parallele sieht zwischen Hiob und Faust, der hat den Witz nicht verstanden.]

Die Straße, auf die Mephistopheles den Faust führen will, sind die ausgetretenen Trampfelpfade, das heißt Besäufnis, Orgien aller Art, die Möglichkeit, sich mit Gold alles kaufen zu können, Macht, etc.. Das alles befriedigt aber nicht die tiefbewegte Brust, das unbedingte Streben kommt nicht zum Stillstand und dadurch erfüllt Faust den Willen Gottes. Er erfüllt ihn nicht durch den Glauben, sondern durch den ewigen Zweifel. Also nix mit „der Gerechte lebt aus dem Glauben“ à la Martin Luther. Das Ding ist eher Theodor Storm.

Der Glaube ist gut
doch bringt er nichts von der Stelle
der Zweifel in ehrlicher Männerfaust
der sprengt die Pforten zur Hölle

Die Frage ob Gott existiert, ist also bei Goethe völlig zweitrangig, da er schlicht nicht gebraucht wird. Das ist zwar im im Faust nicht so radikal formuliert wie in einem frühen Gedicht, Prometheus 1772, aber doch ziemlich deutlich.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft
An Eichen dich und Bergeshöhen!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehen
Und meine Hütte die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Die Existenz eines Gottes wird zwar nicht verneint, aber gebraucht wird er eben nicht. Das Diesseits ist zwar weit davon entfernt perfekt zu sein oder von Hoffung auf Ankunft durchflutet. Darum geht es ja auch im Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch, einer Enzyklopädie der Hoffnungsinhalte, die sich in der Geschichte herausprozessieren können. Hoffnung kann bekanntlich scheitern, aber erst, wenn objektiv bewiesen ist, dass Gelingen unmöglich ist.

Die Frage nach der Existenz Gottes geht von anderen Grundvoraussetzungen aus. Die Frage macht nur Sinn, wenn Gott gebraucht wird. Das ist dann der Fall, wenn die Menschheitsgeschichte nicht in einem Herausprozessieren von Hoffnungsinhalten besteht, die es unter diesen Annahmen schlicht nicht gibt, sondern auf ein finale furioso mit jüngstem Gericht zusteuert. Gott ist dann der Eckpfeiler eines geschlossenen Systems, das sehr unterschiedliche psychische Bedürfnisse befriedigt unter anderem eben der Wunsch, die Welt beherrschbar erscheinen zu lassen. Kann man Gott gnädig stimmen, dann gibt es eine Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Gelingt dies nicht, hat man eben nicht genug getan, um ihn gnädig zu stimmen. In beiden Fällen ist die Welt aber beherrschbar, da die Existenz Gottes ja nicht in Frage gestellt wird. Heutzutage würde man auf eine Heuschreckenplage nicht mit Opfergaben an welchen Gott auch immer reagieren, sondern mit Insektenvernichtungsmittel, was ja auch meistens besser funktioniert.

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