staunen, nicht ärgern

Semantische Felder

Semantische Felder sind eine Gruppe von Wörtern, etwa lustig / fröhlich / glücklich / aufgeräumt, mit, zumindest in bestimmten Kontexten, ähnlicher Bedeutung. Ein genaue Definition ist schwierig, weil „ähnliche Bedeutung“ keine klare Grenziehung erlaubt und die Ähnlichkeit und damit Substituierbarkeit kontextabhängig ist.

Kontext, in dem eine Substitution möglich ist, bei leicht unterschiedlicher Bedeutung

Er machte einen traurigen Eindruck. <=> Er machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
Er ist ein fröhlicher Mensch. <=> Er ist ein glücklicher Mensch.
Das war eine bittere Erfahrung. <=> Das war eine enttäuschende Erfahrung.
Er ist ein lustiger Mensch. <=> Er ist ein fröhlicher Mensch.

Kontext, in dem eine Substitution nicht möglich ist

Anlass des Treffens war ein trauriges Ereignis. <=> ~ Anlass des Treffens war ein niedergeschlagenes Ereignis.*
Es war eine fröhliche Feier. <=> ~ Es war eine glückliche Feier.*
Die Veranstaltung hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. <=> ~ Die Veranstalung hinterließ einen enttäuschenden Nachgeschmack.
Das ist ein lustiges Buch. <=> ~ Das ist ein fröhliches Buch.

* Wer will, kann finden, dass diese Sätze einen Sinn ergeben, allerdings ist der Kontext, in dem diese Sätze einen Sinn ergeben, nicht besonders realistisch, bzw. man würde im entsprechenden Kontext eine andere Formulierung wählen.

Das ist aber gar nicht der interessante Punkt. Der interessante Punkt ist, dass semantische Felder das genaue Gegenteil von dem zeigen, was Wilhelm Humboldt und andere behaupten, nämlich dass sich in den verschiedenen Sprachen Unterschiede im „Nationalcharakter“ zeigen. Die Wahrheit ist, dass die subtilen Unterschiede zwischen den Wörtern eines semantischen Feldes in allen Sprachen, mit wenigen Ausnahmen, gleich sind, in allen Sprachen also ein sehr differenziertes, rational schwer greifbares, Bewußtsein psychischer Zustände vorliegt und die semantischen Felder sich entsprechen. Auf Spanisch hätten wir zum Beispiel.

fröhlich = alegre
glücklich = feliz
lustig = divertido

traurig = triste
niedergeschlagen = abatido
enttäuschend = decespcionante

Die Substituierbarkeit folgt hierbei, zumindest meistens, dulce = süß wäre eine Ausnahme, demselben Muster. Das heißt, dass sich in allen Sprachen für komplexe Bewußtseinszustände Wörter herausgebildet haben, phylogenetisch und ontogenetisch, soll heißen, dass das Individuum die Bedeutung der von der Sprachgemeinschaft bereits entwickelten Wörter für bestimmte Bewußtseinszustände durch Erfahrung neu erlernt, die sehr stabil sind, weil die Bewußtseinszustände, die durch diese Wörter beschrieben werden, sehr stabil sind. Wenn Differenzierungen gemacht werden selbst bei subtilen Unterschieden, eigentlich unterhalb der Schwelle, die bewusst wahrgenommen wird, dann ist es wenig wahrscheinlich, dass sich die unterschiedlichen Sprachgemeinschaften charakterlich unterscheiden, bzw., um die Formulierung von Wilhelm von Humboldt zu verwenden, sich in den verschiedene Sprachen ein spezifischer „Geist“ ausdrückt.

Das ist aber eigentlich immer noch nicht der eigentlich spannende Punkt. Das Kuriosum ist das. Würde man einen Deutsch Muttersprachler fragen, was der Unterschied ist zwischen einem frohlichen Menschen und einem glücklichen Menschen, dann kämen die meiste Leute erstmal ins Stottern.

Nach längerer Überlegung würden sie dann feststellen, dass fröhlich auf die Wirkung auf andere abzielt, glücklich nicht. Ein Mensch, der still in der Ecke sitzt und nichts sagt und auch sonst reglos ist, kann durchaus glücklich sein, aber fröhlich ist er nicht. Schweigt er reglos vor sich hin, dann steckt er niemanden mit seiner Fröhlichkeit an. Den Unterschied hat man also unbewusst gelernt und unbewusst verwendet man die Wörter auch richtig. Jeder weiß, dass „ein glücklicher Umstand“ möglich ist, ein „fröhlicher Umstand“ aber nicht, obwohl jemand der eine Prüfung bestanden hat, froh und glücklich ist. Er ist dann also fröhlich und glücklich. In diesem Kontext läuft das auf dasselbe hinaus.

Es steht die These im Raum, dass Denken wenig mit Sprache zu tun hat.

[Auf die gegenteilige These, dass Sprache die Bedingung für Denken ist, kommen manche Leute, weil erst dann, wenn sich das Denken sprachlich manifestiert, es auch bewusst wird. Die Sprache allein schiebt das Denken aber nicht an und determiniert auch nicht, wie gedacht wird. Wäre dem nicht so, müsssten alle mit gleicher Muttersprache sich über dieselbe Dinge ing gleicher Weise nachdenken.]

Plausibler ist, dass die Sprache einen Zugriff auf Bewusstseinsinhalte erlaubt. Das sprachliche Zeichen ist abstrakt und kann daher auf eine Bewußtseinswolke verweisen. Charakteristisch für das sprachliche Zeichen, also Wörter, ist weniger die Tatsache, dass es, wie Saussure meint, ein signifiant (Bezeichnetes) ist, dass auf ein signifié (Bezeichnetes) verweist, sondern seine Abstraktheit. Es kann also auf komplexe Zusammenhänge verweisen. Der Begriff z.B. verweist auf nichts Konkretes, sondern auf einen Zusammenhang. Der Begriff Marktwirtschaft z.B. verweist auf ein komplexes System unterschiedlicher Ausprägungen. Der Begriff von Saussure signifiant gilt bestenfalls für Wörter, nicht aber für Begriffe.

Theoretisch könnte man sich jetzt vorstellen, dass sich die Leute den Unterschied zwischen lustig und fröhlich anhand der Kontexte klar machen, in dem die Wörter auftauchen. Möglich, dass so der Unterschied zwischen den zwei Wörtern ursprünglich, wenn auch unbewusst, erschlossen wurde und die Wörter der Pointer sind, der auf den dazugehörigen Bewußtseinsinhalt verweist und tatsächlich hätte man ohne die Wörter keinen Zugriff auf die Bewußtseinsinhalte. Ohne Wörter wäre das Gehirn wie eine Festplatte, bei der Index verlorgen gegangen ist. Tatsächlich verwenden wir aber Wörter und Begriffe, ohne dass im konkreten Sprechakt der Kontext, in dem wir das Wort oder den Begriff erlernt haben, wieder vergegenwärtig wird. Das ist einigermaßen mysteriös.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.