staunen, nicht ärgern

Political Correctness? Gibt es sowas?

Bestimmte Gruppen, also vor allem die, die für Volk und Vaterland streiten und stolz sind auf die tausendjährige Tradition der deutschen Kultur, das Abendland untergehen sehen unter dem Ansturm der Einwanderung, für geistig / moralische Erneuerung sind und für das christlich geprägte Abendland etc. also die, die sich um Umfeld der AFD und ähnlicher Organisationen tummeln, fühlen sich unterdrückt durch die political correctness. Man dürfe nicht mehr sagen, was man wolle und jede abweichende Meinung werde unterdrückt. Die Logik ist die: Wer mir widerspricht und meine Meinung nicht teilt, bedient sich der political correctness. Das ist das, was Popper eine Immunisierungsstrategie nennen würde. Dazu gibt es dann Hunderte von blogs, https://ef-magazin.de/, https://www.tichyseinblick.de/, https://www.achgut.com/, die tapferen Widerstand leisten gegen den allgemeinen Meinungsterror der Massenmedien. (Und hoffen, damit Geld zu verdienen.)

Das Problem ist, es ist genau umgekehrt. So ein richtig knalliger Spruch von Björn Höcke, Alice Weidel, Alexander Gauland etc. rast durch alle Medien und verbreitet sich in Windeseile.
Von FAZ

„Der Thüringer AfD-Chef wirft mit Nazi-Vokabular um sich, träumt von einer De-Islamisierung und plädiert dafür, notfalls in „gallischen Dörfern“ den Widerstand zu organisieren. Ein Ausflug ins Denken eines Neurechten. “

über Spiegel

„Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke ist der Rechtsaußen der Rechtsaußen-Partei. Er ist bekannt für rassistische Ausfälle – die AfD hält trotzdem noch zu ihm. Nun hetzt Höcke gegen Schwule, und verdreht dabei die Fakten.“

über den Tagesspiegel

„Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke traf am Montagabend mit Pegida auf lautstarken Gegenprotest. Die Polizei ermittelt gegen islamfeindliche Demonstranten. “

etc, etc. etc. berichten ausführlich über den Mann, der findet, dass die Deutschen ihre Männlichkeit wieder entdecken müssten. Die Berichterstattung ist natürlich kritisch, aber die Sprüche von dem Björn sind so saftig, dass man die entsprechenden Artikel anclickt. Würden die Massenmedien nicht darüber berichten, wären Höcke und Co kein Thema. Das liest man mit derselben Spannung, mit der man auf der Kirmes in die Geisterbahn geht. Völlig unterdrückt wird auch Thilo Sarrazin, der unterdrückte Schmöcker wurde nur 1,5 Mal verkauft und hat bei Amazon über 2000 unterdrückte Kommentare. Also mehr Unterdrückung geht jetzt wirklich nicht. Totaler Meinungsterror der political correctness, schlimmer als China, vergleichbar nur mit Nordkorea.

Das eigentliche Problem ist, dass Krawallthesen mehr Öffentlichkeit haben, als differenzierte Darstellungen eines Sachverhaltes. Das funktioniert auch bei Büchern. Capitalism and Freedom ist ein saftiger Titel, das Teil von Milton Friedman ging 1/2 Million Mal über den Ladentisch und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Das Teil liest sich gemütlich vor dem Einschlafen und ist recht unterhaltend. Das Werk von Keynes, des wirtschaftstheoretischen Gegenspielers, trägt den Titel General Theory of employment, interest and money, was in etwa so saftig ist wie der Staub am heißesten Punkt der Sahara. Das Teil liegt wie Blei in den Regalen und ist auch nicht gerade eine gute Nacht Lektüre. (Die General Theory of Interest, Employment and Money ist das Fundamente der Makroökonomie, eine verständliche Zusammenfassung findet man hier https://www.economics-reloaded.de/pdf-Dateien/Keynes_Buch.pdf.) Ein richtig schöner saftiger Titel ist auch Road to Serfdom / Wege in die Knechtschaft (Hayek). Das Ding ging weg wie warme Semmel. Das Teil hat sich dann zwei Millionen Mal verkauft, obwohl eigentlich nur Müll drin steht. (Zusammenfassung hier https://www.economics-reloaded.de/5_Ordoliberalismus/Friedrich_Hayek/5_1_Friedrich_August_Hayek.htm).

Eine Konformität der Massenmedien kann man feststellen, allerdings hat das mehr wirtschaftliche Gründe. Massenmedien schreiben vor allen Dingen mal über Themen, mit denen sich Geld verdienen lässt, das heißt a) die Produktion eines Artikels darf nicht viel kosten und b) es muss die Leute zumindest ein bisschen interessieren, gruseln, amüsieren oder was auch immer. Das bedingt, naheliegenderweise, dass informiert wird über Dinge, die irgendjemand berichtet haben will, z.B. über den größten Fußballer aller Zeiten; Sport refinanziert sich ja dadurch, dass irgendjemand berichtet, davon hängt der Marktwert der handelnden Akteure ab. Ein Bericht darüber, was Boris Becker in irgendwelchen Besenkammern treibt, steigert dessen Marktwert. Andernfalls würde man ihn irgendwann vergessen; ob Herr Maier drin ist, also im Netz von AOL, oder Boris Becker wäre dann egal. Relevanter für den demokratischen Entscheidungsprozess sind natürlich die Informationen, über die gerade nicht berichtet werden soll, wo also jemand ein massives Interesse daran hat, die Veröffentlichung zu verhindern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat z.B. ein massives Interesse daran, der Menschheit NICHT mitzuteilen, wieso sie 630 Millionen Euro für eine Nationale Bildungsplattform ausgibt, siehe https://www.nationale-bildungsplattform.net. Das Auseinanderzufieseln ist dann richtig teuer und man müsste via Informationsfreiheitsgesetz das Häppchen für Häppchen gerichtlich einklagen. Das wird kein business.

Die von der political correctness Unterjochten und Unterdrückten verkennen auch völlig die Interessen der Massenmedien. Sie unterstellen, dass Massenmedien irgendwelche Grundüberzeugungen hätten, die sie der Menschheit ins Gehirn prügeln wollen. Massenmedien wollen vor allem GELD verdienen und ihre Produkte verkaufen. Ein Massenmedium wird nie recherchieren, warum der Bundesanzeiger Verlag Jahr für Jahr 80 Millionen Euro einsackt für die Führung des Transparenzregisters und wieso das Bundesministerium für Finanzen eine Gebühr von 20,40 Euro für angemessen hält. Das interessiert nur eine Minderheit, also Unternehmen, die das bezahlen müssen. Folglich ist dieses Thema auch kein business. Das Ergebnis einer wochenlangen Recherche wäre ein Artikel von einer DNA 4 Seite, der allerdings  nicht mehr Schotter bringt, als ein Artikel über Attila Hildmann. Was der erzählt, ist zwar im Grunde völlig irrelevant, aber ein Artikel darüber ist schnell geschrieben, saftig und interessiert alle Welt so ein bisschen. Ist in zwei Stunden durch: Demo besuchen, sich den Quark anhören, Artikelchen schreiben und fertig ist der Lack. Der Mann will ja, dass man seine Thesen verbreitet, da braucht es keine Recherche. Der Bundesanzeiger bzw. das Bundesministerium für Finanzen hat exakt Null Interesse, irgendwelche Informationen bzgl. des Zustandekommens der Gebühr zu veröffentlichen. Darüber ein Artikel schreiben, ist eine andere Nummer. Nix mit zwei Stunden.

Massenmedien sind erstmal völlig unideologisch, sie identifizieren eine Zielgruppe und für diese wird dann gedichtet und getextet. Ändert sich die Zielgruppe im Laufe der Zeit, wird halt anders getextet und gedichtet. Die verbreiteten Thesen sind weder an political correctness interessiert, noch sonst an irgendwas. Das einzige, was interessiert ist AUFLAGE, UMSATZ, GEWINN. Wieso irgendjemand davon ausgeht, dass Journalisten tapfer für die Wahrheit kämpfen und im Zweifelsfalle bankrott machen, ist ein Rätsel. Eine Zeitung kann sachlogisch nicht besser sein, als ihr Publikum. Zeitungen und Massenmedien sind WIRTSCHAFTUNTERNEHMEN und funktionieren nach der Logik eine Wirtschaftsunternehmens, genau wie die Automobilindustrie, die Molkereien, die Reisebranche etc.. Wieso irgend jemand davon ausgeht, dass Massenmedien Freiheitskämpfer sind, die irgendwelche Ideale haben, also z.B. der Menschheit politisch korrekte Thesen in Hirn zu prügeln, ist ein Rätsel.

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