staunen, nicht ärgern

Meint Goethe die instrumentelle Vernunft?

Klingt alles ziemlich abstrakt ist aber nicht vollkommen unplausibel. Der militärisch / industrielle Komplex z.B. ist charakterisiert durch eine Irrationalität, die sich nur noch durch die Eigendynamik des System erklären lassen, in dem die handelnden Akteure gefangen sind.

Ob Goethe tatsächlich die instrumentelle Vernunft von Adorno / Horkheimer vorweg genommen hat, ist strittig. Unstrittig ist, dass hier Vernunft in einem Kontext verwendet wird, in dem das Wort üblicherweise nicht verwendet wird.

Es gibt im übrigen noch eine andere sehr prominente Stelle, wo über Vernunft nachgedacht wird. Das sind aber gleich zwei Interpretationen möglich, weil das spanische Wort sueño sowohl Traum wie auch Schlaf bedeutet. Der Satz stammt von Francisco Goya und findet sich auf einem seiner Bilder, siehe https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b9/Goya-El_sue%C3%B1o_de_la_raz%C3%B3n.jpg/606px-Goya-El_sue%C3%B1o_de_la_raz%C3%B3n.jpg.

El sueño de la razón produce monstruos.

Je nachdem wie man sueño übersetzt, kommen zwei völlige unterschiedliche Übersetzungen raus, mit drei unterschiedlichen Interpretationen.

1) Der Traum der Vernunft gebiert Monster.
2) Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster.

ad 1): Traum hat im Deutschen wie im Spanischen zwei Bedeutungen. Traum kann etwas sein, was angestrebt wird, ein Traumhaus ist eben ein Haus, das seinen Besitzer in jeder Hinsicht zufrieden stellt. Die Aussage wäre dann, dass die Vernunft als Ideal in die Irre führt, z.B. als instrumentelle Vernunft. Im Spanischen wird sueños selten in diesem Sinn, also als angestrebtes Ideal, verwendet, ist aber möglich, z.B. in diesem Satz: La noción de sueños, por último, también se utiliza para nombrar a los deseos o proyectos de difícil concreción: “Jugar en primera división y ganar el Mundial son mis sueños”. (Der Begriff Traum wird schließlich auch im Zusammenhang mit Wünschen und Projekten verwendet, deren Konkretisierung unwahrscheinlich ist.). Traum kann aber auch das sein, was passiert wenn man schläft, also Elemente der Realität zwar eine schlüssige Handlung ergeben, aber insgesamt eine ziemlich kunterbunte, weitgehend sinnfreie Darstellung der Realität ergeben. Bei dieser Übersetzung wird dann aus dem Traum von der Vernunft, also jemand stellt sich die Vernunft als Ideal vor, ein Traum der Vernunft selbst, die Vernunft träumt und gebiert dann Monster. Darunter kann man sich auch was vorstellen, wenn man sieht, dass Goya ein Künstler war. Der künstlerische Zugang zur Welt ist eher „intuitiv“ und dieser „intuitive“ Zugang kann treffsicherer sein, als ein diskursiver Zugang. (Eine Problematik, die in Goethes Faust im Gespräch zwischen Schüler und Mephistopheles angesprochen wird, siehe www.die-geisteswissenschaften.de). Die Aussage wäre dann, dass bei einem diskursiven Zugang, vor allem wenn das empirische Substrat dünn ist, ziemlich viel Unsinn herauskommt. Das wäre aber im Grunde ähnlich wie die instrumentelle Vernunft. Der Umschlag von Vernunft in Unvernunft gelingt dann besonders leicht, wenn das empirische Substrat fehlt.

ad 2) Das ist nun das genaue Gegenteil von 1), hier wird die Vernunft Kompass und Richtschnur. Schläft sie, geraten die Dinge aus dem Ruder. Auch diese Auffassung finden wir in Goethes Faust.

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab’ ich dich schon unbedingt –

(Witzig ist, dass Mephistopheles das sagt, also derjenige, der versucht, den Faust durch Befriedigung aller Arten von sinnlichen Genüssen so abhängig zu machen wie der Dealer den Drogenabhängigen, so dass er irgendwann ermattet am Boden liegt.)

Wer will, kann hier in der Summe eine Ähnlichkeit zum Denken Adornos erkennen und der Bedeutung, die beide der Kunst zumessen. Vernunft ist ein zweischneidiges Schwert. Als instrumentelle Vernunft schlägt sie um in Irrationalität, schläft sie aber, sind alle Schleusen für die Barbarei geöffnet, wie wir ja aus der insbesonderen deutschen Geschichte wissen. In der instrumentellen Vernunft der verwalteten Welt, ist die Kunst das Korrektiv. Der Unterschied zwischen Goethe und Adorno besteht darin, dass Adorno über die Thematik ein ziemlich fettes Buch geschrieben hat, die ästhetische Theorie, wohingegen Goethe intuitiv aus der Fülle seines Bewußtseins schöpft und sich konsequent ein Leben lang geweigert hat, sich der Welt diskursiv zu nähern, bzw. seine Werke irgendwie zu erläutern.

 

 

 

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