staunen, nicht ärgern

Claudia Roth und die Demokratie

Der Autor dieser Zeilen war jetzt drei Tage krank. Er kann also, dies als Nebenbemerkung, feststellen, dass auch Welt, Wald und Wiesen Grippenviren ordentlich zuschlagen können. Was macht man, wenn man erschlafft in der Kiste liegt? Man schaut sich bei Phoenix die Parlamentsdebatten zum Bundeshaushalt an und dann in Hundert Reden in romantischer Verklärung ein feuriges Bekenntnis zur Demokratie, die ja niemand in Frage stellt. Interessant wird die Frage nach der Demokratie als Staatsform erst, wenn man eben selbige durch Nudging, also sanfte Überredung oder gar handfest mit militärischen Mitteln in andere Länder exportieren will. Dann wird man, überall auf der Welt, mit der Tatsache konfrontiert, dass reine Romantik nicht hilfreich ist, dass es es Knödel in der Suppe braucht, also handfeste Logik und empirische Belastbarkeit, um die Menschheit von der Demokratie als Herschaftssystem zu überzeugen.

Das Beispiel Claudia Roth ist willkürlich gewählt. Die romantische Demokratieverklärung zieht sich durch alle Parteien. Claudia Roth liebt die Demokratie. O Ton Claudia Roth:

„Ich habe zwei große, ewige Lieben: meine Leidenschaft für Kunst und Kultur und unsere Demokratie. Diese beiden Lieben, die gehören untrennbar zusammen. Ohne Kunst fehlt das Unbändige, ohne Kultur versagt der Demokratie die Stimme.“

Kultur ist der Herzschlag unserer Demokratie

Der Erguss geht dann so ähnlich weiter. Wenn die Demokratie unter Druck gerät, verschwindet auch die Kultur und irgendwie ist dann die Kultur eine Stütze der Demokratie.

Die Thesen, die das Gesäusel zum Ausdruck bringt, sind, vorsichtig formuliert, nicht empirisch belastbar. Die persische Miniaturmalerei blühte und gedeihte unter der Dynastie der Kadscharen und das waren kaum Demokraten, unter selig Wilhem II, florierte beides, der Impressionismus mit Max Liebermann, der war systemkompatibel und Frank Wedekind, der landete allerdings wegen Mayestätsbeleidigung im Knast. (Nicht zu vergessen: Ein kurzen Ausflug in den Knast machte auch Friedrich Schiller.) Die Romanows waren auch nicht gerade lupenreine Demokraten und Dostojewsky hatte einen längeren Aufenthalt in Sibirien, mit Puschkin verfuhr man sanfter, aber beide sind nun fester Bestandteil des kollektiven Bewußtseins der Menschheit. Betrachtet man Spanien, könnte man geradezu sagen, Literatur gedeiht besonders unter Diktaturen: Antonio Buero Vallejo, Alfonso Sastre etc… Es gibt eigentlich überhaupt keinen Zusammenhang, zwischen Demokratie und Kultur.

Naheliegenderweise, das macht sie qua officio zwischen den Zeilen, ist sie natürlich für die staatliche Kulturförderung, damit meint sie Goethe Institut und Co, siehe https://www.spanisch-lehrbuch.de/helfen/goethe.htm. Witzig ist, dass sie nebenbei noch ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit Ton Steine Scherben erwähnt. Allerdings ist dem Autor dieser Zeilen nicht bekannt, dass auf eben selbige das Manna staatlicher Kulturförderung herabrieselte. So auf den ersten Blick hat der Autor eher den Eindruck, dass die Werke, die sich in Gedächtnis der Menschheit eingebrannt haben, völlig ohne staatliche Förderung zustande kamen. (Ach ja. Miguel de Cervantes Saavedra schrieb seinen Quijote auch im Knast, siehe https://www.spanisch-lehrbuch.de/uebungen/level3_hoerverstaendnis/literatur/Don_Quijote/quijote1.htm. Das Teil hat der Autor dieser Zeilen mal nachgedichtet.)

Dass ihre Thesen nicht empirsch belastbar sind, ist aber zweitrangig, eher ein Thema für Feinsinnnige. Das eigentliche Problem ist aber etwas ganz anderes. Das Problem ist die romantische Vorstellung von Demokratie als das Wahre, Schöne und Gute sui generis. Die Wahrheit ist viel brutaler, aber diese brutale Wahrheit ist vermittelbar.

Demokratie ist ganz einfach brutale Kontrolle. Wer es zugespitzt haben will. Die Demokratie ist eine Herschaftsform, darin ähnelt sie der Marktwirtschaft, die eben gerade nicht an das Gute im Menschen glaubt, sondern davon ausgeht, dass Macht korrumpiert und absolute Macht eben absolut korrumpiert. Davon muss man jetzt niemanden überzeugen. Institutionen, die keine Kontrolle kennen laufen völlig aus dem Ruder. Der Leser dieser Zeilen empört sich natürlich über Patricia Schlesinger, oder eben über das reichhaltige Personalinventar des deutschen Bundestages, aber 303000 Euronen für einen im Grunde recht lockeren Job; wer könnte da wirklich widerstehen?

Der Witz der Demokratie besteht darin, dass es lukrativ ist, für die Presse, Medien, politische Konkurrenten Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft, Unterschlagung, etc. aufzudecken, denn die Allgemeinheit wünscht sich solche Machenschaften, abstrakt gesehen, nicht. Sollte also Olaf Scholz tatsächlich im Sinne von Olearius interveniert haben, was der Autor für abwegig hält, soit dit en passant, dann ist das big business für Frederico Merz, der bei Blackrock sicher nur im Sinne der Allgemeinheit tätig war.

Das ist eigentlich der Treppenwitz der Demokratie. Der kategorische Imperativ von Immanuel Kant ist geradezu altbacken, der rekurriert ja noch auf ein Gewissen. Bei der Demokratie ist der verwirklicht. Kein Bankräuber würde in geheimer Wahl dafür plädieren, dass der Bankraub legitimiert wird, denn dann gäbe es keine Tresore mehr zu knacken. In der Demokratie wählen alle das, was sie glauben, was der Allgemeinheit frommt und nützt. (Die Betonung liegt hierbei auf Glauben, deswegen hat man die Möglichkeit, alle paar Jahre einen neuen Versuch zu starten.)

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